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Was macht gute Roman-Dialoge aus?


Am 31. August steht bei Raum zum Schreiben die Eintägige Schreibwerkstatt "Mini-Dialoge" an. In diesem Blog-Beitrag möchte ich das fachliche Terrain dazu etwas vorsondieren.

 

Gute Roman-Dialoge bestechen durch Lebendigkeit und reissen uns ins Lesen hinein. 

"Gesprochene Sprache als Dialog auf der Buchseite zieht die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich und bringt, sofern er gut verfasst ist, die Geschichte voran." (Roy Peter Clark)

Gute Dialoge kurbeln also die Romanhandlung an. (Wir verstehen "Handlung" gleichbedeutend wie "Geschichte".) Es ist zu unterscheiden zwischen dynamischen und statischen Dialogen. Die dynamischen Dialoge enthalten nur das wirklich Nötige. Die statischen hingegen drehen sich im Kreise und enthalten unnötige Informationen sowie Gesprächsfloskeln.

Eine produktive Übung besteht darin, eine erzählte Geschichte voll und ganz als Dialog umzuschreiben. Lassen Sie uns hier grade zu Werke gehen - allerdings im umgekehrten Sinne. Wir stellen nämlich einem bereits existierenden Dialog die Nacherzählung gegenüber. Alles Wichtige wird sich am Beispiel zeigen.

 

***

 

Ich habe einen Ausschnitt aus dem Thriller-Roman "Der Teufel von Mailand" (2006) von Martin Suter ausgewählt. Der Dialog findet sich am Ende des ersten Drittels des Buches.

Um die Geschichte als Erzähltes der Dialog-Form gegenüberstellen zu können, lassen Sie mich mit einer kurzen Zusammenfassung der Handlung beginnen:
Sonia, seit Kurzem erst Physiotherapeutin in einem reichlich unheimlichen Engadiner Wellness-Hotel, hat heute einen neuen Kunden: Dr. Stahel. Bei der Behandlung erleidet Sonia einen plötzlichen Anflug von Unwohlsein. Der sympathische Arzt Stahel möchte wissen, was los ist. Etwas widerwillig gibt Sonia Auskunft auf seine Fragen. Es stellt sich heraus, dass Sonia Synästhetikerin ist. Synästhetiker vermischen die verschiedenen Sinneseindrücke, zum Beispiel das Hören mit dem Sehen oder das Riechen mit dem Spüren. Die Diagnose, die Dr. Stahel stellt, ist völlig neu für Sonia. Auch erweist sich, dass Sonias belastende intensiven Wahrnehmungen ab einem bestimmten Erlebnis vor wenigen Wochen massiv zugenommen haben.

 

Sie werden es sehen: Keine noch so treffende Zusammenfassung könnte es mit der Direktheit der Dialog-Form aufnehmen.

Es gibt tausend Arten, ein Geschehen wiederzugeben. Bei Dialogen gibt es eigentlich nur eine einzige Form: die wesentliche, die glaubhafte.

 

Dr. Stahel legte sich wieder auf den Bauch. Sonia überwand sich und zog seine Nackenmuskeln wieder hoch. Sie fühlten sich normal an. Und auch der bittere Geschmack auf ihrer Zunge war verflogen. Sie fuhr fort zu kneten.
  "Sie dürfen es mir ruhig sagen, wenn Sie die Behandlung beenden wollen. Ich habe Verständnis für Unpässlichkeiten, ich bin Arzt."
 "Es ist nichts Körperliches."
 "Das Körperliche ist auch weniger mein Gebiet."
 Sonja wechselte die Seite und nahm sich die linke Schulterpartie vor. Und plötzlich hörte sie sich sagen:  "Ihr musculus trapezius hatte sich angefühlt wie ein Lineal. Vierkantig."
 "So fühlt er sich manchmal auch für mich an."
 "Und auf der Zunge bitter wie Angostura."
 "Auf der Zunge?"
  "Ich schmecke Formen, sehe Töne, rieche Farben. Und so weiter."
 "Sie sind Synästhetikerin?"
 "Synäwas?"
 "Synästhesie kommt aus dem Griechischen und heisst soviel wie Mitempfinden. Die Wahrnehmungen verknüpfen sich. Geräusche bekommen Farben oder Formen. Berührungen duften oder schmecken."
 "Das haben auch andere Leute?"
 "Nicht viele. Hat Ihnen das noch nie jemand gesagt?"
 "Ich habe es ja noch nicht lange."
 "Wie lange?"
 "Ein paar Wochen."
 "Und davor nie?"
 "Nie."
 "Als Kind?"
 "Nie."
 Dr. Stahel dachte nach.
 "Muss ich mir Sorgen machen?"
 Anstatt zu antworten, fragte er: "Sind Sie Linkshänderin?"
 "Ja."
 "Die meisten Synästhetiker sind weiblich und Linkshänder." Er schwieg wieder.
 Sonia zog das Frottiertuch bis zu seinen Schultern hoch. Die Beine waren jetzt abgedeckt. Sie goss sich mehr Massageöl auf die Handfläche, verrieb es und ölte sein rechtes Bein ein. Sie legte beide Hände oberhalb des Fussgelenks hintereinander und strich die Wade kräftig bis zur Kniekehle und federleicht zurück in die Ausgangslage.
 "Als Sie schreiben lernten, hatten da die Buchstaben bestimmte Farben?"
 Sonia hörte auf zu massieren. "Ja. Haben sie heute noch."
 "Mhm. Und wie ist Ihr Gedächtnis?"
 "Gut."
 "Wie gut?"
 "Fotografisch. Ich vergesse nichts."
 "Gut."
 "Ich finde das nicht so gut. Ich habe den Kopf voller Bilder, die ich vergessen möchte."
 "Ich meine, gut für meine Diagnose. Sie haben alle Anlagen zur Synästhetikerin."
 "Sie sagten doch, das habe man schon als Kind?"
 "Wenn Sie die Buchstaben in Farben sehen, ist das schon eine Form der Synästhesie."
 Sonia setzte die Arbeit fort. Sie strich das ganze Bein bis zum Oberschenkelansatz, nur bei der empfindlichen Kniekehle reduzierte sie den Druck ein wenig.
 "Und das haben Sie immer?"
 "Nein. Nur ab und zu. Wie eben."
 Die Musik wechselte von Flöte mit Klangschale zu Harfe mit Klangschale. Dr. Stahels Schweigen machte Sonia nervös. "Kann es durch etwas ausgelöst werden?"
 Er überlegte. "Durch Drogen. Haben Sie Erfahrungen mit so was?"
 Etwas an der Art, wie sie nein sagte, liess ihn nach einer Weile fragen: "Wollen wir dieses Gespräch als eine Sprechstunde betrachten, die unter die ärztliche Schweigepflicht fällt?"
 Sonia lachte. "Bei solchen Gesprächen ist es doch eher umgekehrt: Der Patient liegt."
 Er lachte auch ein bisschen, bevor er eine Frage stellte. "Können Sie genau bestimmen, wann es begonnen hat?"
 "Genau."
"Ist es mit einem bestimmten Erlebnis verbunden?"
 "Ja."
 Er zögerte. "Einem Drogenerlebnis?"
 "Acid. LSD."

 

***


Enthält des Gespräch zwischen Sonia und Dr. Stahel etwelche überflüssigen Elemente? Wohl kaum. Jeder einzelne Satz bringt die Geschichte von "Der Teufel von Mailand" voran. Hat Handlungswert. Was nicht der Information dient, schafft Stimmung oder charakterisiert die Figuren.

Vieles war andeutungsweise schon vor diesem Dialog in die Romanhandlung eingeführt worden. Aber erst dieses Gespräch bringt Klärung. Der Redefluss sowie die Sprechweise der Figuren erscheinen natürlich und entsprechen dem Medium. Im Kern geht es aber um nichts Anderes als die Handlung, den Plot. Die Protagonistin Sonia hat ab jetzt zwei Helfer: Ihr Wissen und Dr. Stahel. Diese wird sie später auch noch brauchen können. Denn Sonjas Ex-Mann und dunkle Mächte trachten nach ihrem Leben. Wahrlich, auch im Einsatz von Dialogen erweist sich Martin Suter als Könner des Suspense.

 

***


Ich lade Sie sehr herzlich dazu ein, das Dialoge-Schreiben gemeinsam auszuprobieren. In der Schreibwerkstatt werden Sie an Ihren Texten feilen und sich mit Gleichgesinnten austauschen können.

Natürlich gibt es noch viel mehr zu lernen, als "bloss" das Erzeugen von Handlungsdynamik...
Den vollständigen Bericht dazu lesen Sie bald auf diesem Blog.

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Vom freundlichen, achtsamen Nachforschen


Können wir uns mit dem Feind hinsetzen und mit ihm Tee trinken? Ihn vielleicht sogar anlächeln?


Ein Gasthaus ist dieses menschliche Dasein.
Jeden Tag eine Neuankunft.

Eine Freude, ein Kummer, eine Gemeinheit,
ein kurzes Achtsamsein
kommt als unerwarteter Gast

Heisse alle willkommen und mach’s allen schön!
Auch wenn sie ein Haufen Leiden sind,
die dir brutal alle Möbel rausfegen.
Egal. Behandle jeden Gast mit Respekt.
Vielleicht schafft er gerade in dir Platz
Für ganz neue Wonnen.

Den dunklen Gedanken, der Scham, der Boshaftigkeit –
öffne allen mit Lachen die Tür
und lade sie ein, deine Gäste zu sein.

Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn jeder wurde als Führer von oben geschickt.

 

Wer den MBSR-Acht-Wochen-Kurs besucht hat, kennt wahrscheinlich das Gedicht Das Gasthaus des Sufi-Mystikers Rumi (1207-1273). Und wer die unvergleichlichen Gedichte Rumis kennt, weiss, wie wichtig darin das Lachen und der Genuss, die Liebe, sind.

 

***

 
Auch die buddhistische Lehrerin Tara Brach zitiert Das Gasthaus, und zwar in ihrem Buchkapitel  "Bedingungslose Freundlichkeit". Die Geschichte, die Tara Brach ans Rumi-Gedicht anschliesst, möchte ich hier im Wortlaut wiedergeben. Sie scheint mir sehr wertvoll.

Jakob war fast siebzig Jahre alt, und er befand sich in einem mittleren Stadium der Alzheimer-Krankheit. Da er von Beruf klinischer Psychologe war und seit über zwanzig Jahren Meditation praktizierte, war ihm sehr wohl bewusst, dass es mit seinen geistigen Fähigkeiten bergab ging. Gelegentlich setzte in seinem Gehirn völlige Leere ein; für ein paar Minuten hatte er dann keinerlei Zugang zu Worten und war völlig desorientiert. Er vergass oft, was er tat, und brauchte gewöhnlich Hilfe bei so grundlegenden Dingen wie Essen-klein-Schneiden, Ankleiden, Baden.
Mit Unterstützung seiner Frau nahm er an einem von mir geleiteten zehntägigen Meditationsretreat teil, und nach ein paar Tagen hatte er seine erste Unterredung mit mir. Solche regelmässigen Treffen von Schüler und Lehrer bieten die Möglichkeit, die Meditationspraxis zu überprüfen und persönliche Anleitungen zu erhalten. Wir sprachen bei dieser Begegnung darüber, wie es ihm im Retreat und zu Hause erging. Seiner Krankheit stand er mit Interesse, Traurigkeit, Dankbarkeit und sogar guter Laune gegenüber. Ich war von seiner Energie und seinem Durchhaltevermögen fasziniert und fragte ihn, was es ihm ermöglichte, diese Krankheit so anzunehmen. Er erwiderte: 'Es fühlt sich nicht so an, als ob irgendetwas nicht stimmte. Ich empfinde Trauer und Kummer über all das und habe auch etwas Angst davor. Aber es fühlt sich wie das wirkliche Leben an.' Dann erzählte er mir von einem Erlebnis in einem früheren Stadium seiner Krankheit.

Jacob hatte gelegentlich Vorträge über den Buddhismus gehalten, und so hatte er auch eine Einladung angenommen, vor einer Versammlung von über hundert Meditationsschülern zu sprechen.Er kam wach und munter am Ort des Geschehens an und freute sich darauf, die von ihm geliebten Lehren zu vermitteln. Er nahm vorne Platz, blickte in all die erwartungsvollen Gesichter... und wusste plötzlich nicht mehr, was er sagen oder tun sollte. Er wusste nicht, wo er war und warum er da war. Er wusste nur, dass sein Herz wie wild klopfte und in seinem Kopf sich alles in Verwirrung drehte. Da legte er die Hände vor dem Herzen zusammen und begann laut zu benennen, was sich in seinem Inneren abspielte: 'Angst, beschämt, verwirrt, das Gefühl zu versagen, ohnmächtig, zitternd, Gefühl von Sterben, verloren.' So sass er noch einige Minuten länger mit leicht gesenktem Kopf da und setzte die Benennung seiner Gefühle und Wahrnehmungen fort. Als sich sein Körper allmählich entspannte und er innerlich ruhiger wurde, registrierte er auch das laut. Als er schliesslich den Kopf hob, sah er sich langsam in der Runde der Versammelten um und entschuldigte sich.

Viele Schüler und Schülerinnen hatten Tränen in den Augen. Einer formulierte es so: 'Keiner hat uns jemals so belehrt. Ihre Gegenwart war die tiefste Belehrung.' Statt zu versuchen, seine Erfahrung wegzuschieben und damit seine Aufregung zu vermehren, hatte Jacob den Mut und auch die Übung, das, was er wahrnahm, einfach zu benennen und am wichtigsten: sich seiner Erfahrung zu beugen. Auf eine ganz grundlegende Weise machte er aus seinen Gefühlen der Angst und Verwirrung keinen Feind. Er machte nichts zu etwas Falschem, er machte nichts zu irgendetwas, das nicht stimmte.
(Aus: Mit dem Herzen eines Buddha. O.W. Barth Verlag 2005, S.97ff.)

 

***


Auch ich selbst möchte hier eine Geschichte erzählen. Für eine halbe Stunde erlebte ich vor einigen Tagen einen Alptraum, der mich im Alltag heimsuchte.
Meine sechsjährige Tochter hatte eine Routine-Blutuntersuchung beim Arzt gemacht, von der wir nichts Aufregendes erwarteten. Meine Frau erhielt kurz nach Verlassen der Kinderarztpraxis ein Telefonat des Arztes und textete mir in der Folge, dass die Untersuchung schlechte Blutwerte ergeben habe und die Tests sofort wiederholt werden müssten. Sollten die Werte bestätigt werden, läge womöglich eine schlimme Krankheit vor.


Ich machte nach Erhalt der SMS eine schwierige Halbstunde allein in meinem Kursraum durch, wo ich grade mit dem Mittagessen fertig geworden war und mit meiner Achtsamkeitspraxis beginnen wollte. (Ich füge hier hinzu, dass die zweite Untersuchung zum Glück positive Blutwerte brachte.)

Da wir im MBSR-Kurs gerade in Woche 4 steckten, machte ich mir zu diesem unangenehmen Erlebnis am gleichen Abend Notizen. Was ich tat, kann man als inneres achtsames Nachforschen (auf Englisch: investigation) bezeichnen.

Ich notierte:

Gefühle/Stimmung: Grosse Unruhe, keine Motivation mehr, desorientiert, Ohnmacht, ich möchte das nicht aushalten müssen, seelischer Schmerz, Isolation

Körperempfindungen: Lähmung, als hielte mich etwas fest - (fahrige Bewegungen) - Leere, v.a. im Kopf - Herzpochen - flackernder Blick

Gedanken: "Was soll ich von meinen sinnlosen Alltagsdingen jetzt noch erledigen?" - "Es ist wie ein Alptraum" - (ich beginne Gedankenszenarien zu wälzen) - "Was mache ich jetzt?" - "Du müsstest doch jetzt in der Arztpraxis mit dabeisein"

 

***

Wo kann ich bedingungslose, radikale Freundlichkeit hineinbringen?

Mit dem Feind Tee trinken – ihn dabei vielleicht sogar anlächeln?
Wie diese Haltung des „Es ist das wirkliche Leben, auch wenn es einem den Magen umdreht und die Welt unterzugehen scheint“  und „im Prinzip stimmt doch alles, ich bin ganz und heil“ hineinbringen?

 

Wenn wir freundlich und achtsam nachforschen nach innen, dann tun wir das nicht, um etwas gezielt zu ändern oder zu analysieren. Es geht vielmehr darum, Interesse und Offenheit sowie Wertschätzung gegenüber der ganzen Erfahrung aufzubringen.

Vorurteilslos. Frisch. Wie ein Anfänger. Mit Anfängergeist.
Wir bringen Aufmerksamkeit gegenüber dem Unangenehmen auf – ja, dem Unangenehmsten. Dem "Feind", der eigentlichen Zumutung, dem Skandalösen, das uns aufbringt. Genau dort fühlen wir hinein.

Wir tun es vorsichtig. Respektvoll. Wir gewöhnen uns erst mal dran.

Akklimatisieren uns. Im eigenen Tempo und Vorgehen.

Und wir lassen zu. Vertiefen uns voller Gewahrsein ins Herz der schwierigen Gefühle, des schwierigen Erlebens.

Voller Mitgefühl. Dabei spüren und respektieren wir die eigenen Grenzen. Und wir lassen alles genau so, wie wir es vorfinden.

 

***

 

Die Befreundung des „Feindes“ kann nur über ein langes Kennenlernen geschehen. Es ist ein Hineinwachsen. Und das enthält auch das Loslassen.
Passieren kann noch etwas: Der „Feind“ wird plötzlich zum Spiegel. Ich entdecke mich selbst in ihm. Ich entdecke das, was ich an mir nicht haben, nicht erfahren möchte.
Könnte dies eine Wahrheit sein, die mich für neue Wonnen reinigt?


Ich merke…es ist bis zum Lächeln vielleicht gar kein so weiter Weg mehr.

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Geht die grosse Zeit des MBSR zu Ende?


1979: Der amerikanische Arzt Jon Kabat Zinn behandelt als erster Mediziner chronisch Kranke und Schmerzpatienten systematisch mit buddhistischer Achtsamkeitsmeditation und Yoga. Die Behandlungen schlagen gut bei den Patienten an. Das Acht-Wochen-Programm MBSR (mindfulness-based stress reduction, Stressbewältigung durch Achtsamkeit) entsteht. Eine Erfolgsgeschichte nimmt ihren Anfang...

2019: Neue achtsamkeitsbasierte Programme schiessen weiterhin wie Pilze aus dem Boden. Jon Kabat Zinns MBSR steht längstens nicht mehr alleine da. Ein regelrechter Boom ist zu verzeichnen. Neue Forschungsergebnisse stellen ausserdem das MBSR und seine Wirkungen auch in Frage. Oder zeigen zumindest auf, wo dessen Grenzen liegen.

Geht eine 40-jährige Erfolgsgeschichte, die für Dekaden den Gesundheitsdiskurs geprägt hat, allmählich zu Ende?
Bei der Beantwortung dieser Frage gilt es, die Übersicht zu wahren und die Informationen richtig einzuordnen. Das hilft, kühlen Kopf zu bewahren.

Seit ich 2012 die Weiterbildung zum MBSR-Lehrer in Angriff nahm, hat sich in der Achtsamkeitswelt, anscheinend, Grossartiges getan.
Ein Blick auf die Liste von therapeutischen MBI (mindfulness-based interventions, achtsamkeitsbasierte Behandlungsformen) zeigt eine Vielzahl von Programmen, die unter betont wissenschaftlich-technisch klingenden Kürzeln daherkommen.
Nennen möchte ich nebst MBSR das MBCT (mindfulness-based cognitive training, rückfallprophylaktisches Gedankentraining bei Depression), sodann ACT (Akzeptanz- und Commitment-Therapie), IM (Interpersonelle Achtsamkeit, nach Meleo-Myer und Hicks), MBCL (Mindfulness-Based Compassionate Living, achtsamkeitsbasiertes mitfühlendes Leben) und MSC (Mindful Self-Compassion, Achtsames Selbstmitgefühl). 

 

Sicher haben zehntausende Menschen von diesen und ähnlichen Behandlungsformen profitiert. Aber, etwas provokant gefragt: Ist die Menschheit seit dem Achtsamkeitsboom vernünftiger, glücklicher, gesünder oder weniger fremd- und selbstschädigend geworden?
(Wenn man den Zustand von Natur und Umwelt als Gradmesser nimmt, muss die Antwort Nein lauten. Aktuell nachzulesen z.B. im Zürcher Umweltbericht 2018.)

Eine Reihe von Trends lässt sich für die Dimension Mindfulness diagnostizieren:

  • Achtsamkeit geht online. Repräsentiert wird diese interessante Strömung durch gut gemachte Achtsamkeits-Apps wie balloon (Deutsch) oder headspace (Englisch)
  • Institutionalisierung und Verschulung nehmen zu. Im Sinne von: „Wir entwickeln jetzt auch ein besonderes achtsamkeitsbasiertes Programm, eröffnen dazu ein Achtsamkeitszentrum bzw. Achtsamkeitinstitut und bieten eine spezifische, nicht allzu günstige Ausbildung an."
  • Achtsamkeitsmagazine, oft mit ästhetischem Anspruch und im Hochglanz-Kleid, boomen. Sie heissen zum Beispiel Moment by moment, Flow oder Happinez. Wer am Kiosk die Magazine durchgeht, wird noch viele weitere Titel entdecken.

Auch ein Kind des Trends, dabei aber vielleicht etwas weniger opportunistisch scheint mir die ökumenische Initiative OFFline der Basler Kirchen. Hinter OFFline verbirgt sich ein Zentrum für Meditation und Seelsorge. Dieses befindet sich bei der Titus-Kirche auf dem Basler Bruderholz. Immerhin kann sich das Christentum auf viele Jahrhunderte Achtsamkeit berufen, die christliche Mystiker wie Meister Eckhardt, Bruder Klaus, Johannes vom Kreuz, Teresa von Avila oder die nach dem Schisma der Ostkirche zugeschlagenen byzantinischen Anachoreten praktizierten. Und es geht den Kirchen zwar vielleicht um ihre Existenz, aber nicht um Geschäftsinteressen.

Die „Achtsamkeitsblase"

Ich habe natürlich meine persönlichen Beweggründe, so kritisch zu schreiben. Es lässt sich schon nicht von der Hand weisen, dass es schwieriger geworden ist, genügend Teilnehmende für einen MBSR-Acht-Wochen-Kurs zusammenzubringen. An sich ist es ja sehr erfreulich für die Sache der Achtsamkeit, dass immer mehr Leute die Weiterbildung zur MBSR-Lehrerin, zum MBSR-Lehrer machen. Man muss sich aber als Kursveranstalter schon was einfallen lassen. Vermutlich wächst die achtsamkeitsdurstige Bevölkerung auch nicht so rasch wie der Überbau an achtsamkeitsbasierten Anbietern. Dieses Phänomen könnte, in Anlehnung an die Immobilienblase, tatsächlich als "Achtsamkeitsblase" bezeichnet werden.

Vermutet nun jemand, dass da viele Worte und viel Aktivität sind – und wenig praktizierte Geistesgegenwart? In der Tat ist die Rede von Business. Busy-ness. Geschäftig-Keit. Das "freudlose Um-zu-Denken" (Kai Romhardt), welches ständig dem Nützlichen hinterherhechelt. Wie gut verträgt sich das mit Achtsamkeit?
Der Meditationslehrer Fred von Allmen sagte kürzlich bei einem Vortrag im Basler Meditationszentrum Kalyana Mitta, Geschäftigkeit sei nichts Anderes als eine Form von Schläfrigkeit bzw. Dumpfheit. Und somit einer der fünf schwierigen Zustände, welche für geistige Klarheit hemmend sind. Im Buddhismus spricht man von den "five hindrances".
Wozu eigentlich der Wettbewerb? Wozu das Wetteifern? Das Hervorstechen-Wollen? Dies zu erforschen, das wäre doch das Interessante. Und das potenziell Heilsame.

Inwiefern wird MBSR in Frage gestellt?
Die bislang ernstzunehmendste kritische Anmerkung zu MBSR sehe ich im Befund des ReSource-Projektes. Im Interview gibt die ReSource-Leiterin Tanja Singer erste Ergebnisse dieses bislang grössten Meditations-Forschungsprojekts überhaupt bekannt, das vom deutschen Max-Planck-Institut durchgeführt wurde (siehe GEO Magazin Nr. 2 /2018; eine Scandatei des Interviews kann am Ende dieses Blogeintrages heruntergeladen werden).

Das GEO-Magazin 2 / 2018 stellt das ReSource-Forschungsprojekt und seine grundlegenden drei Praxisformen vor. Die Forscher haben ein eigenes Meditationsprogramm für ReSource konzipiert. Die Programmteilnehmenden trainierten jeweils drei Monate in drei Modulen: "Präsenz" (ähnlich wie MBSR), "Affekt" (vergleichbar mit Selbstfürsorge/Mitgefühl/Metta) und "Perspektive" (eine völlig unabhängige Form, mit gewissen Überschneidungen mit Achtsamer Kommunikation, Einsichtsdialog und Interpersoneller Achtsamkeit).

 

Zwar werden die über Jahrzehnte gesammelten wissenschaftlichen Ergebnisse zu MBSR von ReSource nicht in Frage gestellt, aber bis zu einem gewissen Grade die stressreduzierende Wirkung des MBSR - und zwar im Bereich des sozialen Stress. Dazu Tanja Singer in GEO:
„Unter sozialem Stress leiden in unserer modernen Gesellschaft viele am stärksten. […] Wir haben vor und nach [dem Test zu sozialem Stress] im Blut [der Probanden] das Stresshormon Cortisol gemessen […] Bei jenen, die zuvor in den sozialen Modulen „Affekt“ oder „Perspektive“ Mitgefühl oder Perspektivenwechsel trainiert hatten, war die hormonelle Stressreaktion im Vergleich zur Kontrollgruppe tatsächlich um rund 50 Prozent niedriger. Aber bei denen, die grade das [mit MBSR am nächsten verwandte] Modul „Präsenz“, also Atemmeditation und Bodyscan, hinter sich hatten, war sie unverändert hoch. Das hat uns überrascht.“

Offenbar war das monatelange Training von Mitgefühl und Perspektivenwechsel effizienter für den Abbau von sozialem Stress als die MBSR-Kernelemente Atemmeditation und Bodyscan. Tanja Singer erklärt sich das wie folgt:
„Bei achtsamkeitsbasierten Aufmerksamkeitsübungen konzentrieren sich die Teilnehmer nur auf sich selbst. Das ist offenbar nicht wirklich effizient, um sozialen Stress zu reduzieren.“

Für mich ist der Befund von ReSource sehr ernst zu nehmen. Die Rolle von Mitgefühl und Dialog wird somit noch wichtiger beim Umgang mit Stress, Belastungen und Leiden. Das wird auch für die Weiterentwicklung von MBSR von Gewicht sein. Bereits jetzt sind Freundlichkeitsmeditation (Metta) und zwischenmenschlicher Stress bzw. Achtsamkeit in der Kommunikation in der zweiten Kurshälfte zentrale Inhalte von MBSR. Aber es stimmt schon: Man konzentriert sich auch in den Kurswochen 5 bis 8 vor allem auf sich selbst.
Was ich zu bedenken geben möchte: Vielleicht ist MBSR als Einstieg ins Meditieren und Bewusster-Werden besonders geeignet, da man eben am leichtesten bei sich selbst anfängt. Auch das ReSource-Programm startet mit dem Modul "Präsenz". Nach Durchlaufen dieses ersten Teils sollten die Inhalte dann aber mehr zum Du und zur Auflösung der Selbst-Fixierung übergehen.

Zum Glück gibt es die Forschung. Genauer gesagt, die von Geschäftsinteressen unabhängige Grundlagenforschung. Sie schreitet voran und kennt eine andere Dynamik als jene der Fragmentierung und Diversifizierung. Tanja Singer mit ihrem Resource-Forschungsprojekt führt zusammen, statt zu dividieren. Und erhöht so den Erkenntnisgewinn für alle.

Wie die Achtsamkeitswelt vor dem Schisma bewahren?
Der Schweizer MBSR-Verband hat bislang nur die Anbieter von MBSR und MBCT vertreten. Was aber wird mit der ganzen Vielfalt von Programmen, Ausbildungen, Apps usw.? Entweder droht die Fragmentierung, letztlich das "Schisma". Oder es wird ein Dachverband im Sinne von „Achtsamer leben“ geschaffen. Was wäre wohl eher im Gedanken der Gründer, eines Jon Kabat Zinn, des Dalai Lama oder des Buddha, gewesen?

Egal, wo unsere Interessen sich niedergelassen haben, die Welt wandelt sich. Ständig. Nichts bleibt. Daraus lässt sich was machen. Wenn wir wollen. Wenn wir bewusst agieren. Anstatt bloss zu reagieren.

 

Unter www.compassion-training.org finden Sie ein lesenswertes kostenloses E-Book mit interaktivem Material aus dem Resource-Projekt.

 

Download
GEO 2 : 2018 zu ReSource-Projekt.pdf
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Sind unsere Biografien etwas Individuelles?


Gemeinhin versteht man unter Biografie und Autobiografie Dinge wie: Lebensläufe, Erinnerungen, Rückblicke. Eine Lebens-Zusammenfassung, vielleicht auch ein Abschluss kommen einem in den Sinn. Jemand berichtet über sein Leben - oder über ein anderes.

Ein Referat der Biografie-Forscherin Prof. Susanne Maurer von der Philipps-Universität im deutschen Marburg hat mir aber einen anderen Aspekt ganz klar werden lassen. Wie Maurer am 19. Oktober im Rahmen der Flying Science-Reihe in Muttenz ausführte, manifestiert sich im Biographischen immer auch das Kollektive. Das Allgemeine zeigt sich im Individuellen. Und auch umgekehrt.
Jede Zeit hat z.B. ihre typischen Sinneseindrücke. So roch es in der Öffentlichkeit vor einigen Jahrzehnten anders als heute, beispielweise nach verbrannten Pneus. Was heute infolge Verboten kaum mehr vorkommt. Oder nach Teer, oder nach Schlachthaus (an letzteren Geruch erinnere ich mich noch intensiv). Solche Eindrücke sind dem Leben der Individuen eingeprägt, und sie sind sowohl persönlich wie auch kollektiv.

Kraft der Relevanz eigener Leistungen für die Gruppe entstand beim bürgerlichen Subjekt das Gefühl „Ich bin jemand!“. Dass die ehemals „kleinen Leute“ infolge eigenem Einkommen und Bildung ein Ich-Bewusstsein entwickelten, ist eine relativ junge Entwicklung. Biografie in diesem Sinne gibt es laut Maurer erst seit 200 Jahren oder noch kürzer. Davor waren derartige Lebensbeschreibungen Monarchen und anderen Grossen vorbehalten.

(Ein Gedanke sei mir nebenbei erlaubt: Wie lange mag es wohl überhaupt noch Promis geben? Interessant ist jedenfalls, wie sehr sich der Promibegriff bereits gewandelt hat. Man denke z.B. an das "It-Girl" als aktuelles Phänomen.)

Wenn wir als Kreativ Schreibende auf den Fährten unserer Biografie wandeln, ist es also hilfreich, vom Gemeinschaftsbildenden auszugehen. Und dem auch zu vertrauen.  Im Kurs „Kreatives Schreiben, Modul I. Wege zur Inspiration und Autobiographisches Schreiben“ wird diese Ausrichtung von Januar bis März 2019 für uns wichtig sein.
Es ist nicht etwa blockierend, vom Generationen- und Gruppen-Relevanten her zu fragen – vielmehr ermöglicht es das Erzählen. Es lässt Worte und Erkenntnisse sprudeln. Konkret: Was hat mein Lebensgefühl als 15-Jährige/r geprägt? Wo habe ich Zusammengehörigkeit erlebt bzw. erlebe Bedeutung und Sinn, wenn ich heute mit Gleichaltrigen über jene vergangene Zeit spreche? Was wirkt noch nach, was berührt, beschäftigt? Man denke an damalige Musik-Subkulturen (Rock'n'Roll, Punk, Heavy Metal...), Jugenddiscos, Blauring-Lager, nächtliche Volleyballturniere oder Verliebtheiten, was auch immer. Es gibt den Soundtrack unseres Lebens, und dieser enthält eine ganze Reihe von Stücken oder Liedern, denen Wegabschnitte einbeschrieben sind.

Wie sieht es im heutigen Alltag, im Zeitalter der Digitalität, aber mit den „Biografie produzierenden Praktiken“ (Susanne Maurer) aus? Wie lässt sich aus „Millionen von Whatsapps“ überhaupt ein persönliches Archiv gestalten? Und gibt es Leute, die das machen? 
Eine interessante Fragestellung, bei welcher ein Buch aus der Duden-Reihe Kreatives Schreiben („Schreiben unter Strom. Experimentieren mit Twitter, Blogs, Facebook & Co“ von Stephan Porombka, 2012) Anregung geben könnte. Technikaffine – zu denen ich nun wirklich nicht zähle – werden aber vielleicht feststellen, dass die diskutierten Technologien nach sechs Jahren bereits veraltet sind...

Die Frage, was von unserem Erleben Bestand haben soll, ist heute wohl relevanter denn je.  Kann sich Bedeutung überhaupt noch verdichten? Fehlt dazu nicht die Musse, die nötige lange Weile? Bräuchte es nicht einen gewissen Leidensdruck - welcher uns heute eben, angesichts all der Annehmlichkeiten und Lustbarkeiten von Smartphone & Co., über weite Strecken abgeht?

Ich schliesse mit einem Zitat von Heinrich Heine:
„Denn jeder einzelne Mensch ist schon eine Welt, die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt. Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte.“

Weitere Vorträge zum Thema Biographie im Rahmen der Reihe Flying Science:
2. November 18, 19 Uhr, Muttenz, Raum 8a. „Ein Paar schreibt seine Biographie: Robert Grimm und Rosa Schlain im Jahr 1916“, Prof. Caroline Arni von der Uni Basel
9. November 18, gleiche Zeit und Ort. „Über das Schreiben und Lesen autobiographischer Text“. Prof. J. und F. v.Troschke, Deutsches Tagebucharchiv Emmendingen

 

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Blüten der Verbundenheit



 Ein Sämlein wächst, und eine Blume öffnet ihren Kelch. Es ist eine Blüte der Freundlichkeit.


Warum dauerte es so lange, immerhin fünf Jahre, bis ich von den standardisierten MBSR-Acht-Wochen-Kursen zum Wagnis kam, einen MBSR-Auffrischungs-Kurs mit Thema "Achtsame Selbstfürsorge" anzubieten?
Man kann natürlich auch andersherum fragen, warum es so rasch geschah.

Die Antwort ist: Aus Verbundenheit. Ich kam mit etwas in Verbindung. Sämlein fielen auf die Erde. Sämlein haben Frucht gebracht.
Mit grosser Ehrfurcht vor Jon Kabat-Zinn, vor MBSR, habe ich inzwischen 15 Acht-Wochen-Kurse, fünf Achtsamkeitswochenenden und mehrere Blockkurse unterrichtet. Ehrfurcht ist, übrigens, gemäss Christopher Germer in „Der achtsame Weg zur Selbstliebe“ eines jener positiven Gefühle, die entstehen können aus Freundlichkeits- und Mitgefühlspraxis (welche im Vipassana-Buddhismus Metta genannt wird)...


Offenbar gab da etwas in mir die Erlaubnis, nun den Sprung zu wagen.
Mit einem Augenzwinkern gesagt: Ein verantwortbares Mass an Ahnungslosigkeit war erreicht. Ich geb's zu, ich hab keine Ausbildung als Lehrer in MSC (Mindful Self-Compassion). Ich habe den scheinbar unveränderlichen MBSR-Acht-Wochen-Kurs-„Knoten“ trotzdem zerschlagen können. Die der achtsamen Selbstfürsorge, nebst der Achtsamkeit, zu Grunde liegende Metta- bzw. Selbstmitgefühls-Praxis kenne ich seit sechs Jahren und bin damit in Eigenregie unterwegs. Vorbereitend für den Kompaktkurs im vergangenen August und September habe ich in den Sommerferien als Weiterbildung zudem ein Sieben-Tage-Metta-Retreat im Meditationszentrum Beatenberg absolviert. Es war nicht die erste diesbezügliche Weiterbildung. - Ich merke, ich komme ins Rechtfertigen...


Verbundenheit ist nicht gleich Achtsamkeit. Verbundenheit kann einen in Schwierigkeiten bringen. Und das ist gut so.
Wissen Sie, Sitzen und Meditieren, das kann „jeder“. Jedes Huhn kann ruhig und reglos auf seiner Stange sitzen. - Diesen Ausspruch eines östlichen Meditationsmeisters finde ich herrlich. Die wahre Herausforderung liegt, wenn schon, eher in der Gehmeditation als im Sitzen. Auch für die erfahrenen Meditierenden. Den Gefühlen und Gedanken von „Es bringt nichts“ beim Auf- und Abgehen ausgesetzt, der Langeweile, dem Zweifel, der Aversion, dem Verlangen, etwas Besonderes zu erleben. Es ist ganz logisch. Beim Gehen fällt es einem schwerer, die Augen zu (ver-)schliessen, als beim Sitzen.

 

Hierzu eine schöne buddhistische Geschichte, die der Beatenberg-Zentrumsleiter Fred von Allmen an besagtem Retreat zum Besten gab.

Ein tibetischer Mönch geht im Tempel auf und ab und rezitiert Mantras, wie es als Praxis des Dharma (d.h. des buddhistischen Weges zur Befreiung vom Leiden) üblich ist. Der Lama kommt auf ihn zu und sagt: "Mantras rezitieren, sehr gut. Aber möchtest du nicht lieber den Dharma praktizieren?" Nach etwas Überlegen entscheidet sich der Mönch, heilige Bücher zu lesen und Dharma-Texte zu rezitieren. Bald kommt der Lama wieder seines Weges und sagt: "Wunderbar, du liest heilige Texte! Aber, möchtest du nicht lieber den Dharma praktizieren?" Der Mönch ist nun etwas durcheinander, entscheidet aber nach einer Weile, zu meditieren. Nach einer Zeit kommt wieder der Lama und sagt zu ihm: "Bravo, du meditierst. Aber wäre es nicht besser, du würdest den Dharma praktizieren?"

Warum nur muss es denn immer so schwierig sein? Der Weg des Erwachens, der Weisheit und des Mitgefühls erschliesst sich nicht primär über die Meditation. Ganz gleich, wie lange man sie auch am Stück praktizieren mag. Das Entscheidende ist die Haltung. Die Art, wie wir beim Denken, beim Sprechen und beim Handeln in Kontakt und präsent sind.


Nichts bin ich

nichts werd’ ich sein

nichts ist mein

nichts wird es sein

 

das ist der Toren

Schreckensbild

der Weisen aber

Schreckensend

(Nagarjuna: Ratnavali 1.26; 1./2. Jahrhundert)


Wer verbunden und auf dem Weg zur Sammlung mit Freundlichkeit und Mitgefühl ist, befindet sich mitnichten auf der sicheren Seite. Die harmlos anmutende Praxis des Metta, wo tagein, tagaus Gute-Wünsche-Sätze wie "Mögen alle Wesen glücklich sein" im Stillen gesagt werden, kann einen in Schwierigkeiten bringen. Und das verstehe ich durchaus als positiv.

Ich hab's erlebt. Für mich war der Metta-Retreat eine ständige Achterbahnfahrt. Ich wurde durchgeschüttelt. Ein anderer Meditationsmeister hat gesagt: "Nach einer Weile des Übens von Metta beginnen die Schlangen unter ihren Steinen hervorzukriechen."

Was sich für mich als vitalisierend und transformativ erwies.

 

Ich fühle mich zur Zeit mehr in Verbundenheit. Blüten öffnen sich und sprengen ihre alten Hülsen. Das ist kein Weg der Kontrolle. Kein Weg des Null-Risikos.

Und das ist ebenfalls gut so.

 

Der nächste MBSR-Refresher "Achtsame Selbstfürsorge" ist für Frühjahr 2019 geplant.

 

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Ihr Beitrag ist wichtig für die Welt


Wir alle zerbrechen uns zuweilen den Kopf über die Frage: Tue ich das Richtige im Leben? Eine sehr berechtigte Frage. Denn wir haben viel Energie und Ressourcen zur Verfügung, die gut einzusetzen sich lohnt.

Der Achtsamkeitspionier Jon Kabat-Zinn stellt in einem Kapitel seines Buches "Im Alltag Ruhe finden" die Frage ins Zentrum, was denn unsere Aufgabe auf diesem Planeten ist. Für Lebenssituationen, wo uns tiefe Zweifel zusetzen, finde ich Kabat-Zinns Antworten sehr geeignet.

Geschildert wird der Fall des amerikanischen Architekten und Schriftstellers Richard Buckminster Fuller (1895-1983). Infolge geschäftlichen Scheiterns stand jener als junger Familienvater an der Schwelle zum Selbstmord. Statt sein Leben zu beenden, beschloss er jedoch, fortan so zu leben, als wäre er in jener Nacht gestorben. Buckminster Fuller sah sich von nun an als "Repräsentant des Universums". Fragte sich jede Stunde, was nur er tun könnte, was an Wichtigem ohne ihn nicht getan werden würde. Dies führte ihn u.a. zu wegweisenden wissenschaftlichen Annahmen bezüglich der Vernetztheit von Formen und Funktionen in der Natur, welche später von der Chemie bestätigt wurden.

 

Authentisch sein - jedes Original ist besser als seine Kopie
Kabat-Zinn flicht ein Zitat des amerikanischen Gründervaters Ralph Waldo Emerson in seinen Text ein:
"Beharre auf dir selbst; ahme niemals nach. Deine eigene Gabe kannst du jederzeit mit der gesammelten Kraft der Kultivierung eines ganzen Lebens darbieten; das angenommene Talent eines anderen aber gewährt dir nur einen unvorbereiteten halben Besitz ... Tue das, was dir zugewiesen ist, und du kannst nicht zu viel erhoffen, nicht zu viel wagen."

Buckminster Fuller widmete sich in seinem "zweiten", quasi geschenkten Leben radikal seiner Aufgabe auf dem Planeten. Dabei vertraute er voll auf sein Urteilsvermögen und lebte, da er mit seinen alten Illusionen abgeschlossen hatte, ohne ängstliche Selbst-Verhaftetheit. Das Gute entsprang für ihn nicht aus dem vergleichenden Bestreben, es besser zu machen als andere. Es entstand aus dem Streben nach dem Richtigen, dem Angemessenen und Passenden.

Und davon gab es - und gibt es, für uns alle - eigentlich nur eines, im Hier und Jetzt. Nämlich: Das Original. Das Original ist überzeugender, als jegliche Kopie es sein kann.

Die Creative-Writing-Lehrerin Dorothea Brande greift in ihrem sehr lesenswerten Klassiker "Schriftsteller werden" (1934) immer wieder das Thema Originalität und Authentisch-Sein auf. Sie rät selbst den blutigsten Anfängern des Autorenhandwerks, keinesfalls die grossen Vorbilder - heute wären das die Donna Leons, die Stephen Kings, die Jonas Lüschers - zu imitieren. Sie bringt auch auf den Punkt, warum Epigonen stets nur verlieren können:

"Weil die Männer und Frauen, die diesen (...) zum Vorbild dienen, sich aus einer grossen angeborenen Begabung heraus entwickeln, befinden sie sich natürlich in einem fortlaufenden Prozess des Wachstums und Wandels. Stil und Aufbau ändern sich bei ihnen ständig, und den armen Nachahmern bleibt dann nichts anderes übrig, als immerzu eigentlich bereits Veraltetes zu kopieren."

Wer nachahmt, hinkt dem Geschehen ständig nur hinterher.

Natürlich, auch für den Authentischen ist letztlich nicht klar, was er bewirken kann. Alles, was er tun kann, ist Sämchen zu säen. Was aus unseren tiefsten Handlungen erwachsen wird, wissen wir nicht. Wir können es gar nicht wissen.

 

Unser Lebenstil, unsere Leiden, unsere Zweifel
Sind Worte wie jene Emersons oder Brandes nicht mitfühlend und tröstlich für uns, die wir mitunter einem verunsicherten und ständig vergleichenden, auf Äusserlichkeit fixierten Lebensstil zum Opfer fallen? Die obgenannten Autor/innen reden uns diesbezüglich ins Gewissen. Sie sprechen uns auch aus der Seele, indem sie Leiden an Nichtigkeit und ständige Sorge ernstnehmen. Aber sie beziehen auch klar gegen die Maskeraden Position.

Wer das echte Leben, das Original, wählt, wird es wohl nicht einfacher haben als der Mitläufer - aber er hat dafür das Leben, welches ihm zugedacht ist.

 

Inspirationen für den Alltag

Was können wir, gemäss eigener Einschätzung und hoffentlich auch Wertschätzung, wirklich gut?

Dorothea Brande schlägt vor, unsere selbst verfassten Texte so lesen, als hätte sie ein Freund geschrieben. Wie die Texte zu beurteilen sind und was die weitere Bearbeitung lohnt, sollten wir mit der gleichen Haltung angehen.

Es ist ratsam, in grösseren Zusammenhängen zu denken. Als Verfasser dieses Blogposts kenne ich meine Funktion fürs Grössere nicht. Wie die Biene, die bloss Honig herstellen will, deren Handeln aber die Funktion erfüllt, Pflanzen zu bestäuben, habe ich keinen Einblick in den weiteren Sinnzusammenhang meines Beitrages. Wichtig ist deshalb: Um unsere Aufgabe aus einer breiten Perspektive zu sehen, sollten wir uns nicht mit "Ich" und den zugehörigen Vorstellungen identifizieren.

Lösen sollten wir uns auch von Vorbildern und Moderscheinungen. Es ist tausendmal besser, sich auf seine eigenen Quellen, auf seine eigenen Erfahrungen, auf seine eigenen Gedanken zu basieren. Holen Sie sich die Inspirationen aus Ihrem Tagesablauf, Ihrer Geschichte und Ihrem Umgang damit (egal, ob Ihre Storys nun wahr oder erfunden sind!), aus Ihrem Leiden, Ihrer Weisheit, Ihren Irrtümern, Ihrem Beziehungsnetz, Ihrer Ästhetik und Ihrem Stil.

Auf solche Weise können wir unseren Beitrag in einer Ganzheit und Lebendigkeit erbringen, welche ihresgleichen nie finden werden. Vorausgesetzt, wir nehmen unsere Aufgabe auf diesem Planeten an. Ja, hierbei ist in der Tat der Aspekt des Akzeptierens wichtig.

Halten wir inne, um zu fragen: "Ist, was ich tue, wirklich MEIN Beitrag auf dieser Welt, meine Aufgabe auf diesem Planeten?"

Bedenken wir: Was ist ein GUTER Beitrag? Doch sicher ein Beitrag, der Weisheit und Mitgefühl bei mir und allen anderen fördert. Ein Beitrag, bei welchem ich authentisch, mutig und gut zu mir selbst sein kann. Also MEIN Betrag.

Was war der persönliche Wendepunkt im Leben des Schreibenden? Dieser muss sich vor 14 Jahren, um meinen 30sten Geburtstag herum, ereignet haben. Es war an der Zeit, dass ich, als innerlich veranlagter Mensch, auch ein innerliches Leben wählte, in welchem es um Intuitionen und tiefe Zusammenhänge geht. Was war ich, was bin ich? Eher Mönch, Seelsorger, Dichter oder Philosoph? Eher Erfinder, Lehrer oder Unternehmer mit postmaterialistischer Ideologie? Oder von alledem ein bisschen?

Was ist die Quelle eines solchen Umbruchs? Schauen wir uns den Werdegang der Kreativitätslehrerin Julia Cameron an, welche in meinen Schreibangeboten aktuell eine  Rolle spielt: "Not, nicht Tugend, steht am Anfang meiner Spiritualität", sagt Cameron. 1978, als sie Dreissig war, schwor sie dem Alkohol und den Drogen ab.

Geneigte Leserin, geneigter Leser: Was ist Ihre Not? Aber auch: Was macht Ihnen Freude? Womit können Sie Freude machen und Leiden lindern, bei sich selbst und bei Anderen? Womit tun Sie wirklich etwas, das Ihnen und Anderen gleichermassen guttut?

 

Mein Angebot

An diese Gedanken knüpfen meine Angebote im Bereich "Coaching" an. Die Devise lautet: Kräfte bündeln! Ich stehe dafür ein, Ihre Perle mit Ihnen reifen zu lassen und sie gemeinsam mit Ihnen zu bergen. Ihre Perle, ja, das ist auch Ihr Beitrag für die Welt.

"Achtsamkeit" kann helfen, um Erfahrungen von Wert und Aufschluss zu machen. Tief, bleibend, ehrlich, authentisch. Aktuell steht das Thema "Für sich selbst sorgen" im Vordergrund. Wer einen Beitrag leisten will, muss Selbstfürsorge "können".

Das Schreiben wiederum trägt bei zur Versprachlichung und hält Prozesse und Produkte fest. Stoffe sollen kommunizierbar, objektivierbar, teilbar gemacht werden. In meiner nächsten Schreibwerkstatt steht Julia Camerons Beitrag zum Kreativen Schreiben auf dem Plan. Es geht um die Hilfe, die dieses Schreiben für Spiritualität und kreative Deblockierung bietet. Das Motto hierbei: Jetzt tätig werden statt weiter zuwarten.

 

 

 

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Wie kommen Sie zu Ihren Geschichten?


Man kann bezüglich Schriftstellern fragen: Wie kommen sie eigentlich zu ihren Geschichten?
Bevor wir aber antworten, eins vorweg: Ohne Aussage und Handlungskonstruktion gibt es überhaupt keine Geschichte. Geschichten sind geplant. Als naive Leser pflegen wir das zu ignorieren, denn wir segeln im Ozean unseres Hirnkinos, unseres eigenen Films. Genau das ist es, was wir geniessen. Die Schriftsteller aber wissen genau, was sie wollen und suchen. Profis sind sich bewusst, was sie mit ihren Geschichten aussagen, bewirken, auslösen, thematisieren wollen - erst diese Qualitäten machen eine Geschichte aus.

 

Der Geduldsaspekt
Der französische Romancier des 19. Jahrhunderts Gustave Flaubert zitiert Buffon: "Genie ist grosse Geduld."

Literatur schreiben ist eine langfristige Passion. Erforderlich sind Fleiss, Disziplin und Schürfen in der Tiefe. Nur keine einfachen Antworten! Einzig die reine, ungeschminkte Wahrheit vermag zufriedenzustellen. Scheinwahrheiten sollen in Flammen aufgehen.
Hinzu kommt das Erlernen des Handwerks. Der Text, das Know-how, die eigene künstlerische Ausdrucksweise und Sprache müssen reifen. Sie müssen Ohren sowie Augen finden.
Natürlich ist es auch von Vorteil, wenn man als Literat Selbstwertgefühl aufbauen kann. Es geht aber auch ohne (siehe die Aussagen von Javier Marías weiter unten). Unabdingbar ist, in jedem Fall: der lange Atem.
Im Gegensatz zu solch fast zeitlos Erlesenem steht das Heute. Gibt es in der heutigen Gesellschaft, im heutigen Alltag überhaupt noch etwas ausser Gewäsch? Fake News bieten "Alternativfakten", Skandälchen von Sternchen überbieten sich täglich in Niveaulosigkeit, Influencer säuseln ihre Werbebotschaften, anonyme Poster nutzen das Netz für Hetze und Angstmache...

Der Notwendigkeitsaspekt
Jean-Claude Carrière, ein gestandener Drehbuchautor und Schriftsteller, hat eine höhere Idee vom Erzählen: "Notwendig muss es sein - nicht mehr und nicht weniger."
Für den Geschichtenerzähler und Mythologen Michael Meade sind Geschichten "der Leim, der die Welt zusammenhält".
Der britische Autor Phillip Pullman sagte: "Nach Nahrung, Schutz und Gemeinschaft sind Geschichten das, was wir am meisten brauchen."

Nicht nur das Erzählen, nein, auch das Lesen ist welterhaltend. Vorsicht somit vor "schlechten" Narrativen und "schlechten" Lektüren. Sie verraten unseren Kern. Wir sollten uns nicht etwa Schrott zuführen, sondern uns nähren, stärken und uns mit zeitlos Gültigem verbinden. 


Der Leidens- und Kompensationsaspekt
Mittels kultureller Bemühungen und Errungenschaften versuchen wir uns zu immunisieren (Peter Sloterdijk) - gegen Tod, Gefahr und Bedrohungen. Es ist eine Notwendigkeit, Geschichten zu erzählen und zu lauschen. Um Leiden zu lindern, Defizite zu kompensieren, zu mahnen, und um Wissen zu bewahren an unerhörte Begebenheiten.

Am Anfang des Schreibens steht bestimmt nicht das Angenehme. Das pflegte einer meiner Professoren an der Uni Zürich, der Romanist Georges Güntert, hervorzuheben. Aus einer schlechten Erfahrung - einem Trauma, einer Verlusterfahrung, der Ohnmacht des Schweigens und der Kommunikationslosigkeit - wird eine mitteilbare, eine kommunizierte, vergemeinschaftete Erfahrung. Schmerz, in Sprache und Handlung übergeführt.

 

Autorenstimmen

Wie sieht es aus mit den deklarierten Notwendigkeiten bei erfolgreichen, seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit stehenden Autoren?
Der Aargauer Urs Faes suchte beim Schreiben des autobiografischen Romans "Halt auf Verlangen" die Selbstvergewisserung (NZZ, 12.2.2017). In der Krebstherapie "sei ihm der eigene Körper fremd geworden. Das Ich habe sich verloren, entmündigt von den Abläufen eines perfekt organisierten Spitalbetriebs."
Für den Amerikaner T.C. Boyle ist es die Natur, welche ihm als Quasi-Religion und Gegenpol zur Zivilisation dient. Schreiben ist für den Ex-Junkie Boyle ein Suchtersatz (Greenpeace-Magazin 2/2012).
Der spanische Bestsellerautor Javier Marías ("Mein Herz so weiss") verarbeitet im Schreiben seine Skepsis und Unsicherheit:

"Diese Unsicherheit ist ein Fluch, den ich nicht loswerde. Trotz Erfahrung ist es damit im Lauf der Jahre statt besser immer schlimmer geworden." (NZZ, 15.3.2012)

 

Und Sie??

Wie kommen nun eigentlich Sie zu Ihren Geschichten?

Legen Sie den Finger in die Wunde. Dorthin, wo's wehtut.

Mobilisieren Sie alles - Ihr Bestmögliches, um

  • Sprache zu finden
  • Antworten zu finden
  • sich zu erleichtern und zu befreien
  • und um Verständnis zu erlangen.
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Wozu Schreibcoaching?


Wollen Sie die eigene Kreativität entdecken? Merken, was in Ihnen, in Ihren Erfahrungen, Ihren Gedanken, Ihrer Sprache steckt?

Möchten Sie entdecken, wie echte Autorinnen und Autoren arbeiten? Im Coaching können Sie einfach zu erzählen beginnen. Ein Wort gibt das andere. Filme kommen zum Vorschein. Ja, Sie haben etwas zu erzählen. Das ist pure Kommunikation. Ist Mitteilen, Sprechen - und Teilen.

Wir arbeiten individualisiert. Gemäss Ihren Bedürfnissen, Zielen und Möglichkeiten. In jedem Coaching gibt es fünf Phasen, die mehr oder weniger Gewicht erhalten können:

  • In der Inspirationsphase kommen Sie zu Ihren Ideen.
  • In der Erzählphase arbeiten wir mit Techniken wie die Schriftsteller beim Schreiben eines Romans.
  • Beim Überarbeiten schälen wir das Wesentliche, die richtigen Worte und die passende Form heraus.
  • Beim Fertigschreiben wird der Text auf Lesertauglichkeit getrimmt.
  • Und in der Publikation geht es um Themen wie Self-Publishing Ihres E-Book, um Verlagssuche und Exposé-Schreiben oder ums Organisieren von Lesungen.

 
Wie läuft so ein Schreibcoaching ab?
Wir treffen uns in doppelstündigen Sitzungen, wenn Sie live und persönlich begleitet werden möchten. Im Ferncoaching sind die Formen sehr vielfältig.
 
Was sind die Ziele?
Grundsätzlich sind die Ziele, Prozesse und Produkte so breit gefächert, wie es  Menschen, Kunst- und Textformen gibt. Zum Beispiel:

  • Sie wollen etwas Wichtiges festhalten, wie eigene oder fremde Erlebnisse in Biographieform. Für Sie selbst, für Ihre Kinder, Partner/in oder Freund/in.
  • Sie möchten einmal die Entstehung eines Romans durchspielen.
  • Sie möchten sich literarische Schreibkompetenzen zu eigen machen, wie z.B. das Beschreiben von Landschaften oder Meereswelten.


Wann droht Misserfolg beim Schreibcoaching?

  • Bei unklaren Zielsetzungen
  • Bei magischem Denken ("Der Coach weiss alles besser als ich")
  • Wenn gegenseitiges Vertrauen und Offenheit fehlen

 
Warum nicht ein Gruppen- statt "nur" ein Einzelcoaching? Organisieren Sie eine Gruppe, die ich dann coachen werde. Oder lassen Sie mich das für Sie einfädeln.

 
Ihre Kreativität, Ihre Sprache sind unsagbar kostbare Güter. Verschwenden Sie diese nicht, sondern teilen Sie sie!

Sehr gerne stehe ich bereit. Als Ihr kompetenter Dialog-Partner.

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Mein Lebensbaum - eine Meditation


Stehen und wachsen dürfen

 

Dankbar ich selbst sein zu dürfen

zu sein

Im Halbdunkel des Stammes

Im Schutz

Meine Person zu wissen

 

Gegen unten

Die Wurzeln

die Wasser

Futter

Erde

Mutter

im Reich

aus Quellen

bekommen

 

Um wachsen zu können

 

Vertrauen

 

Gegen oben

Herrscht

und trägt der Baum

die Krone

 

Vögel fliegen

Äste wiegen sich

im Wind

gen Himmel und vom Himmel

Vater

Inspiration geben

Licht bekommen

Sonne

 

Um stehen zu können

 

Vertrauen in den eigenen Baum

 

 

Das Schreiben hat mir geholfen, um meinen Lebensbaum zum Reifen zu bringen. Es hat Entstehen ermöglicht. Schreiben ist etwas Sozialeres, als die meisten denken.
Und Schreiben wird genährt. Immer wieder, still, leise, unspektakulär. Worte und Gedanken verändern uns. Sind nahe beim Herzen.

Dieses Jahr biete ich Ihnen ab August den Kurs "Grundlagen des literarischen Erzählens" und ab Oktober "Wege zur Inspiration / Autobiographisches Schreiben" an. Schreibcoachings ergänzen diese Module.

Da-Sein. Es braucht nicht mehr als das, was ist. Atmen. Mit der Natur. Wie sagt es Rilke im Stundenbuch: "Da neigt sich die Stunde und rührt mich an [...] und ich fasse den plastischen Tag."

 

Die Güterstrasse 140. Ihr Kursort, drei Spazierminuten vom Bahnhof SBB. Ohne Ort, ohne Standort, kein Baum.

Achtsamkeit. Eine Qualität des Geistes. Gesund. Heilsam. Der Grund auch für meine Funkstille seit Dezember. Seit September bin als MBSR-Lehrer bei der Klubschule Migros Basel angestellt. Ein erster Acht-Wochen-Kurs ist vor Wochenfrist zu Ende gegangen, am 18. August soll ein weiterer starten. Am 23. April startet der nächste Acht-Wochen-Kurs an der Güterstrasse, und ab 24. September ist ein weiterer vorgesehen. Neu ist der Fortgeschrittenenkurs "Achtsame Selbstfürsorge" - Interessierte mit MBSR-Erfahrung können ihn nach den Sommerferien besuchen. Im Januar 2019 bin ich wieder, bereits zum fünften Mal, für ein Wochenende im Kloster Kappel bei Baar.

Bücher. Können sein wie ein Baum. Das beflügelt mich. Alle Entwürfe zu Den Autor nähren. Achtsam zur Schreibinspiration sind fertig. Nun geht's ans letzte Feilen. Und dann ans Self-Publishing und Verkaufen meines Werks.

Glücklich bin ich, und dankbar, es erreicht zu haben. Das Bild, das Symbol, des Baums. Eine Meditation, so wie es im Achtsamkeitstraining die Berg- und die See-Meditation gibt. Mitten im Leben. Die Askese, die Übung, im Dialog mit dem Leben selbst, sind wie Vater und Mutter.

 

Wo kein Baum ist, ist keine Würde. Da bin ich schwach und hinfällig.

Oftmals will man ja "in jemand Anderem aufgehen". Gefangen in einer Idee, einem Streben. Dem entgegen steht, das Eigene zu wählen und es zu kultivieren.

 

Der Baum steht da und wächst. Ist frei von Streben. Er lässt alles zu. Lässt los. Vertraut seinen Wurzeln.

Lässt sich wiegen.

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Literatur vermittelt das Unaussprechliche


Eine meiner prägenden Lektüren war "1984" von George Orwell. Es war das Gefühl, an etwas Verbotenem, Kostbarem, Gefahrvollem teilzuhaben. Das war, im positiven Sinne, sehr subjektiv. Es war ein Kontakt, über Tage mehrmaligen Lesens, mit einem Ort in mir. Ich wusste, dass das in der Welt existierte, auch draussen. Dass "es" real gewesen war, Millionen von Menschen geprägt hatte.

Nur "1984" konnte diese Welt zugänglich machen. Diesen Kitzel, diese Bitterkeit und Trauer.

Es kam etwas bei mir an und blieb. Etwas, was "Orwell'sch" genannt werden kann - wie es auch das "Kafkaeske" gibt. Der "Grosse Bruder", der Big Brother. Das jämmerliche soziale Zerrbild einer Reality-TV-Show… Hoffnung, Lebenshunger, Liebe, Poesie auf den einen Seite - Überwachung, Ohnmacht, Zynismus, Kontrolle auf der anderen Seite. Und: Die Grosse Warnung. Alles steht auf dem Spiel.

Johann Wolfgang Goethe sagte: "Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen."
Wenn wir, die keine George Orwells sind, schreiben, mit unseren für die Welt weniger entscheidenden Talenten und Erfahrungen, beschränkteren Kräften und Begriffen, können wir der „Vermittlerin des Unaussprechlichen“ genauso trauen wie alle grossen Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

Obschon die Magie eines Werkes ominös-rätselhaft bleiben wird, tief in den Hinterkammern unserer Gehirne und Herzen versteckt, in unentschlüsselbaren Codes, vorhanden nur in Momenten der Intimität, gibt es Regeln.


Orwell musste viele Werke schreiben, ehe ihm sein Meisterstück gelang. Er musste lernen, sich der Symbolsprache zu bedienen.
Seine direkten, politischen, unter lebensgefährlichen Bedingungen gemachten Erfahrungen im Kampf zwischen den Mächten und Gesellschaftsschichten vor und während des Zweiten Weltkrieges musste er ausdrücken. Er tat dies aber projiziert in eine Negativ-Utopie 36 Jahre in der Zukunft – der Roman ist 1948 erschienen. Ein Kunstgriff.

„1984“ ist eine Metapher. Allgemeingültig, allgemeinverständlich. Selbst heute noch, für Menschen des Smartphone-, Facebook- und Whatsapp-Zeitalters.

„Die Farm der Tiere“ war eine Fabel-Parabel, „1984“ ein Sinnbild. Orwell war eigentlich im Dokumentarischen zuhause, wo ein „Ich“ oder „Orwell“ als Zeuge Historisches oder Milieuspezifisches berichtete.

Das Unaussprechliche aber liess sich dokumentarisch nicht vermitteln.
Was Orwell voraussah, die Bespitzelungsstaaten DDR oder Ceaucescus Rumänien, zum Beispiel, aber auch eine NSA oder Erdogans AKP-Türkei, erforderte gestalterische Entscheidungen.

„1984“ ist Science-Fiction – aber wie erbärmlich ist die dargestellte Technologie, sei es die Überwachung oder die Folter oder die Indoktrination (Doublethink, Newspeak)!

 

Das Unaussprechliche zu vermitteln, erfordert, dass wir die Kunstform "Literatur" beherrschen. Genauso, wie es weitreichende Kenntnisse braucht, um eine Computerapplikation zu programmieren.

Wie verhält sich die fiktive Romanwelt im Verhältnis zur Realität? Wie erzähle ich? Wie ist die Sprache? Was erschaffe ich neu?

 

Literatur ist Sprache des Menschlichen. Tröstlich, warnend, bezaubernd. Über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg. "Berührungsgestaltung" (Peter Handke). Verdichtete Wahrheit.

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